A Scheene Leich – Es lebe der Wiener Zentralfriedhof…

Dem Wiener wird ja nachgesagt, er sei ein bisschen morbid. Und ich kann euch als beinahe Außenstehender sagen: „Stimmt“. Und an kaum einer Stelle kann man das so hautnah erleben wie am Zentralfriedhof in Wien-Simmering.

Ich habe für euch „den 71er genommen“ und überlebt. Der 71er ist bis heute die Straßenbahn, die die Wiener Ringstraße mit dem Friedhof verbindet – einst gab es einen Waggon am 71er, der die Särge nach Simmering transportiert hat. Davon ist heute nur das geflügelte Wort „Den 71er nehmen“ für Sterben geblieben.

#Ein Friedhof mit Geschichte

In der Geschichte Wiens rückte der Friedhof immer weiter aus der Stadt heraus. Lagen die Friedhöfe zunächst innerhalb der Stadt, meist direkt bei den Kirchen, etwa der St. Stephans Freythof, beschloss Kaiser Joseph II., dass Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern liegen mussten. Es entstanden Friedhöfe wie der von St. Marx oder der Währinger Friedhof (heute im Schubert Park gelegen). Doch mit dem Wachsen der Stadt wurde ein großer Friedhof nötig, der im Gegensatz zu seinem Namen weit draußen im 11. Bezirk liegen sollte.

1874 wurde der Zentralfriedhof eröffnet. Es sollte ein interkonfessioneller Friedhof werden, doch relativ schnell teilte man das 2,5 km2 große Areal in konfessionelle Abschnitte, die bis heute Bestand haben. Am 1. November 1874 wurde Jakob Zelzer als Erster auf dem neuen Friedhof begraben. Das Grab exisitiert bis heute unmittelbar neben dem Tor 2. Der Grabstätte folgten 330000 weitere.

#Bestattungsmuseum – Eine morbide Kuriosität

Bestattungsmuseum Simmeringer Hauptstraße, Zentralfriedhof Tor 2, 11. Bezirk, Mo – Fr 9 – 16.3
0 Uhr, Sa (1.3. – 2.11.) 10 – 17.30 Uhr, Eintritt 6€ für Erwachsene

Ein Bestattungsmuseum kann es auch nur in Wien geben. 250 Ausstellungsstücke rund um das Thema Tod, das findet man beim Tor 2 am Wiener Zentralfriedhof – vom wiederverwendbaren Sarg über Totenmasken bis hin zu alten Leichenwagen. Hier erfährt man alles, was für die „Schene Leich“ nötig war. Auch die sogenannten Totenwecker kann man sich hier anschauen, die verhindern sollten, dass man lebendig begraben wurde. Zu bestimmten Anlässen, etwa zur Langen Nacht der Museen kann man hier sogar im Sarg Probeliegen.

Wer skurrile Souvenirs aus Wien sucht, ist hier ebenfalls gut aufgehoben – man bekommt die Leichenbim von Lego oder auch echten Blütenhonig vom Zentralfriedhof.

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#Karl-Borromäus-Kirche – Perle des Jugendstil

Die Friedhofskirche entstand erst 36 Jahre nach der Einweihung des Friedhofs. 1910 wurde die von Max Hegele gestaltete Kirche geweiht. Mit ihrer großen Kuppel mit Sternenhimmel und ihren Arkaden ist sie eine wahre Perle des Jugendstils.

In der Krypta sind ehrenvolle Gräber. Darunter wurde hier Karl Lueger bestattet, der Wiener Bürgermeister, der heute aufgrund antisemitischer Aussagen sehr umstritten ist. Die Grabstätte brachte der Kirche, die Karl Borromäus geweiht ist, den volkstümlichen Namen Lueger-Kirche ein.

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#Prominentenfriedhof und Präsidentengruft

Beliebt war der Friedhof nicht – weit draußen gelegen wollte sich dort zunächst niemand begraben lassen. Dann kam die zündende Idee – ein VIP-Friedhof. So sammelte man diverse Prominentenleichen, exhumierte diese und begrub sie am Zentralfriedhof neu. So wurde etwa Ludwig van Beethoven aus Währing nach Simmering gebracht. Und das brachte Erfolg, denn wer wollte nicht schon immer neben den großen Musikern oder Politikern, Schauspielern oder Architekten begraben werden. Hier liegt Schubert in Sichtweite von großen Burgschauspielern wie Paul Hörbiger, Architekt Adolf Loos neben Theophil Hansen.

Noch heute gehört es zu den größten Ehren der Republik, wenn man ein Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof bekommt. Auch die modernen Helden werden hier beerdigt, etwa Udo Jürgens, dessen letztes Klavier in Sichtweite der Kirche aufgestellt wurde oder auch Falco, der etwas weiter entfernt begraben wurde. Diese liegen größtenteils zwischen dem Tor 2 und der Karl-Borromäus-Kirche.

Unmittelbar vor der Kirche liegen besonders hervorgehobene Ehrengräber. Hier befindet sich die Gruft der Präsidenten der Zweiten Republik.

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#Alter Jüdischer Friedhof – Wo sich Turmfalke und Reh Gute Nacht sagen

Ab 1877 gab es auch einen Abschnitt des Zentralfriedhofs, in dem Mitglieder der jüdischen Gemeinde bestattet wurden. Im Gegensatz zum Christentum ist es im Judentum vorgesehen, die Toten ruhen zu lassen und damit das Grab nicht mehr zu entfernen. So reichte der Raum für 80000 Begräbnisse. 1917 musste ein neues Gelände her, das östlich des Zentralfriedhofs gelegen ist.

Der alte jüdische Friedhof blieb bis heute beim Tor 1 erhalten und bildet den für mich schönsten Teil und das nicht nur aufgrund der wilden und teils verfallenen Grabstätten, sondern auch aufgrund der Wildnis, die man hier antreffen kann. Vom Tor 1 kommt man zunächst in die breite Zeremonienallee, an der man die pompösen Grabmäler der großen jüdischen Familien findet. Viele kleine Alleen führen dann in den „Wald der Toten“ hinein.

Die Gräber werden nicht wie gewohnt gepflegt und beschnitten, weshalb man hier viele schattenspendende Bäume und hohes Gras findet, immer wieder entdeckt man einen umgefallenen Grabstein, schließlich muss ein bisschen morbider Charme sein. Wer hier keiner Gruppe Rehe begegnet ist, war nicht lange genug dort. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass es am Zentralfriedhof einen Jäger gibt um die Population klein zu halten. Doch in Wahrheit handelt es sich um ein Jagdruhegebiet (wie auch die Donauinsel übrigens). Daher kann sich die Population ausbreiten.

Hält man dann aber noch genauer Ausschau, trifft man auf ein wahres Paradies für wilde Tiere. Hoch oben sitzt ein Turmfalke auf dem Baum und hält nach Beute Ausschau – kleine Eichhörnchen sammeln Nüsse, im Sommer hört man Fasane schreien. Dieser Teil des Friedhofs ist ein kleines Paradies für einen ruhigen Spaziergang.

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