Die Macht der Dinge im Weltmuseum Wien – Menschen geben den Dingen eine Stimme

Migration ist das große Thema unserer Zeit – kaum ein Thema hat mehr politische Brisanz, kaum ein Thema macht den Menschen mehr Angst. Ich kann mir kaum ein besseres Museum in Wien, das sich dem Thema besser nähern könnte, als das Weltmuseum in der Hofburg. Mit der Schauspielgruppe Badluck.Project wurde nun eine ganz besondere Performance-Führung aus der Taufe gehoben, in der sowohl Künstler als auch Mitarbeiter des Museums ganz unterschiedlicher Herkunft auf einzelne Gegenstände der Sammlung Bezug nehmen und ihre ganz eigene Geschichte erzählen.

Die Performance beginnt in der zentralen Säulenhalle des Museums. Hamayun Eisa erzählt den ersten Teil seiner Geschichte rund um einen alten Vogelkäfig. Der Schauspieler stammt aus Afghanistan und spricht in seiner Muttersprache (es übersetzt Mahsa Ghafari).

Der Vogelkäfig als Zentrum der Kunstperformance „Die Macht der Dinge“

Im Anschluss daran werden die Besucher in Vier Gruppen durch die Dauerausstellung im Mezzanin begleitet.

Hier trifft man unter anderem auf Stella Asiimwe und Markus Stolberg, die die Geschichte von Franz Ferdinand von Habsburg-Este erzählen, der auf seiner Weltreise jede Woche eine ganze Wagenladung an Gegenständen nach Wien schickte und von sich selbst sagte, er leide an Museomanie.

Stella Asiimwe und Markus Stolberg – Franz Ferdinand und die Museomanie

Oder man trifft auf Ahmed Sabah, der vom Kaffeeservice der Beduinen und den kleinen Gesten, die dabei nötig sind.

Ahmed Sabah und der Kaffeeservice der Beduinen

Man trifft auf Mahsa Ghafari, die Hayder Saad von ihrem Traum erzählt, das Thema eines Flüchtlingsschiffs in einem Film thematisieren und dabei die Geschichte einer jungen Mutter aufgreifen will, die beim Kentern des Schiffs stirbt. Der Teil der Performance gipfelt in der Aufforderung „Stellen Sie sich bitte jetzt vor, sie wären gerade gestorben“.

Mahsa Ghafari und Hayder Saad mit dem Rettungsring

Auch der Chef des Weltmuseums, Christian Schicklgruber, persönlich ist Teil der Performance. Gemeinsam mit Bagher Ahmadi erzählt er von seiner Arbeit in Nepal, während der er Teil einer dort ansässigen Familie geworden ist. Im Film sieht man seinen Adoptivbruder in der einfachen Hütte sitzen, in der Schicklgruber einige Zeit mit ihm lebte. Ahmadi zieht dabei immer wieder Parallelen zum Leben in Afghanistan.

Bagher Ahmadi und Christian Schicklgruber

Jamal Mataan erzählt die Geschichte einer Flüchtlingsfamilie aus seiner Heimat Äthiopien, die zu einem Wiener Arzt kam. Da sich die Fontanelle noch nicht geschlossen hatte, nahm das Jugendamt das Kind aus der Familie. Erst nach 2 Jahren kam das Kind zurück zu seinen Eltern, weil der Fall nicht auf Mißbrauch des Kindes sondern auf eine genetische Besonderheit des Kindes zurückführen ließ. Man wollte ihnen einfach nicht glauben.

Jamal Mataan erzählt von der Familie, denen man das Baby weggenommen hat

Zum Finale treffen die Besucher wieder in der Säulenhalle zusammen und Hamayun Eisa erzählt seine Geschichte weiter. Er erzählt die Geschichte, in der er und sein Bruder nach Kabul reisen wollten, um dort zu studieren. Doch der Bus wurde von Mudschahedin aufgehalten und die beiden wurden verschleppt – und dabei gab ihm ein Schwarm Vögel immer neue Hoffnung. (mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten).

Hamayun Eisa und der Vogelkäfig

Es gibt kaum einen besseren Ort, um das Thema Migration aufzugreifen, als das Wiener Weltmuseum. Die ethnologische Sammlung, die historisch größtenteils noch in den kaiserlichen Reisen der Habsburger fußt, zeigt relativ offensiv, welche erhebliche Rolle Themen wie Kolonialisierung noch heute spielen.

Schauspieler und Mitarbeiter haben sich einzelne Objekte als Grundlage ausgesucht, um ihre bewegenden Geschichten zu erzählen. Die Idee, ihre Geschichten auf Objekte der Sammlung zu beziehen, finde ich grandios, da der Besucher so einen unmittelbaren Bezug sowohl zu den Schauspielern als auch zum Museum bekommt.

Ich werde beim nächsten Mal sicherlich mit einem anderen Blick durch das Museum gehen.

Info

Teilnahme:  € 29 / € 19
Ermäßigung für Studierende, Jahreskarten-BesitzerInnen, Ö1 Club, Freundesverein
Kartenkontingent für Passinhaber von Hunger auf Kunst und Kultur

Weitere Aufführungen:

23. Mai – 26. September – 1. Oktober – 8. Oktober – 13. Oktober – jeweils um 19 Uhr

Tickets gibt es im Shop des Kunsthistorischen Museums (hier)

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