Beyond Schindlers Liste – Das jüdische Krakau

Als Schindlers Liste 1993 in die Deutschen Kinos kam, hat er meine Generation geprägt. Ich war damals 9 und durfte ihn erst sehen, als meine Schwester ihn als Video mit nach Hause brachte. Inzwischen habe ich ihn sicher schon 6-7 mal gesehen und es lohnt sich doch immer wieder – regt er doch zu einem Denken an, das für die heutige Zeit gar nicht so schlecht ist.

Mir persönlich war die enge Verbindung des Films zu Krakau gar nicht so bewusst. Erst als ich im Juni 2019 quälend langsam mit dem Zug nach Krakau einfuhr (eine riesige Baustelle führte dazu, dass wir immer wieder anhalten mussten), erzählte mein Sitznachbar, dass wir jetzt an der Schindlerfabrik vorbeifuhren.

Das Jüdische Ghetto Podgórze

Viel ist vom jüdischen Ghetto nicht übrig geblieben. Es grenzte unmittelbar ans südliche Weichselufer an und wurde im März 1941 errichtete, bis 21. März mussten alle Juden dorthin umgezogen sein, Wohnraum wurde zugewiesen, meist wurden mehrere Familien auf engstem Raum untergebracht. 15000 Menschen wurden so in einem Gebiet von 400 x 600 m zusammengepfercht, in dem vorher nur 3000 Menschen lebten.

Zu den berühmtesten überlebenden Einwohnern des Krakauer Ghettos gehört wohl der Regisseur Roman Polanski (*1933), der im Alter von gerade einmal 8 Jahren das Grauen des Nationalsozialismus hier mit anschauen musste. Auch der berühmte Autor Stefan Zweig (*1941) gehörte als Säugling und Kleinkind zu den Bewohnern des Ghettoso.

Seit 2005 ist der Platz der Ghettohelden zu einer zentralen Gedenkstätte für die Opfer des Krakauer Ghettos geworden. Die beiden Architekten Piotr Lewicki und Kazimierz Łatak stellten hier scheinbar leere, übergroße Stühle auf, die das Fehlen der vielen Toten symbolisieren, aber auch an den Tag der Evakuierung des Ghettos erinnern, an dem sich auf dem Platz die vielen, jetzt ungenutzten und Besitzer losen Möbel ansammelten.

Platz der Ghetto-Helden

Ein weiterer Erinnerungspunkt liegt unmittelbar am Platz der Ghetto-Helden. Die kleine, unscheinbare Apteka pod Orlem beherbergt heute ein Museum, das an ihren Besitzer Tadeusz Pankiewicz erinnert. Mit dem Argument, dass sich eine Apotheke auf dem Gebiet des Ghettos als nützlich erweisen könnte, bemühte er sich um die Erlaubnis, sein Geschäft weiterführen zu dürfen. Pankiewicz hielt die Apotheke Tag und Nacht offen, bot den Ghettobewohnern Raum für konspirative Treffen, reichte Arzneien und Nachrichten von außerhalb des Ghettos weiter – er durfte die Ghettomauern ja unbehelligt passieren. Dabei musste er die brutalen Szenen bei den Evakuierungen (Juni und Oktober 1942) und bei der finalen Liquidierung (März 1943) hilflos mit ansehen, was in seinem berühmten und erschütternden Buch Die Apotheke im Krakauer Ghetto festgehalten wurden. Neben Oskar Schindler wurde auch Tadeusz Pankiewicz als „Gerechter unter den Völkern“ in Yad Vashem geehrt.

Zentrale Anlaufstelle

Deutsche Emaillewaren Fabrik Podgórze

Schindlers Fabrik existiert noch heute, auch wenn dort schon lange keine Emaillewaren mehr produziert werden. Das riesige Areal, das damals knapp außerhalb des Ghettos lag, lag lange Zeit brach. Erst als mit dem Film auch die Touristen in die Stadt kamen und sich für Schindlers Geschichte und die Geschichte der Juden interessierten, wurde die Anlage wiederbelebt.

Schindler rettete nicht nur 1200 Juden vor der Deportation – es gelang ihm sogar, eine Genehmigung für ein Außenlager zu bekommen. Mit Schwarzmarktgeschäften machte er ein wenig Geld, das er in zusätzliche Essensrationen für seine Arbeiter investierte, weshalb es den Schindlerjuden vergleichsweise gut ging.

Lipowa 4 – Schindlers Fabrik

Heute sind hier zwei Museen untergebracht. In den alten Fertigungshallen ist das Museum für polnische Gegenwartskunst. Die Massen zieht aber das Verwaltungsgebäude an. Das Museum hier beschäftigt sich mit der Zeit der Besetzung Krakaus 1939-44.

Der Fokus liegt dabei allerdings nicht explizit auf der Geschichte der Schindlerjuden. Ihm sind hauptsächlich die zwei Räume gewidmet, in denen man Schindlers Büro und sein Vorzimmer sieht (die Originaleinrichtung ist erhalten geblieben).

Schindlers Schreibtisch

Die Museumsarchitektur ist modern – wobei man es hier meiner Meinung nach etwas übertrieben hat. Die Geräuschkulisse ist wahnsinnig laut, in jedem Raum kommen irgendwelche anderen Geräusche aus dem Lautsprecher, was etwas an den Nerven zerrt.

Multimedia – Bilder im Kino

Zudem muss man beachten, dass die Zahl der Besucher beschränkt ist. Für jeden der 20 min Startzeit-Slots (keine Sorge, man darf bleiben, so lange man will), ist nur eine gewisse Anzahl an Karten verfügbar. So heißt es, Geduld mitzubringen, wenn man Pech hat, muss man am Folgetag wiederkommen. Es empfiehlt sich daher, die Tickets vorab über eine der Tourismusagenturen oder über einschlägige Onlineplattformen (getyourguide z.B.) vorab zu buchen. Wir haben das nicht getan, kamen an einem Sonntag im Juni um 10.30 Uhr bei der Fabrik an. Wir standen etwa 30 min an und mussten dann 40 min warten – das war aber kein Problem bei den vielen Cafés rundherum.

Das Arbeits- und Konzentrationslager Plaszow

Was mir überhaupt nicht bewusst war, war dass das Arbeits- und Konzentrationslager Plaszow, das in Schindlers Liste ja auch eine große Rolle spielt, gar nicht so weit entfernt von der Fabrik lag – genau genommen sogar in Laufweite. Gleich hinter der Autobahn und dem Krak-Hügel beginnt der Kalksteinbruch, in dem die Insassen Zwangsarbeit verrichten mussten, die nicht in einer der vielen Fabriken in der Umgebung arbeiteten.

Wie viele Menschen dem Lager in Plaszow zum Opfer fielen, ist bis heute nicht geklärt. Bekannt ist der Lagerleiter Amon Göth, der ja auch im Film thematisiert wird. Der „Schlächter von Plaszow“ soll ein ziemlicher Sadist gewesen sein. Mit Freude hetzte er seine Doggen – Ralf und Rolf – auf die Insassen. Er alleine soll mehr als 500 Menschen in Plaszow getötet haben.

Als das Lager 1944 aufgelöst wurde, gelang es Oskar Schindler, seine Liste noch aufzustocken. So konnte er noch mehr Juden von der Deportation nach Auschwitz bewahren.

Steinbruch beim Konzentrationslager Plaszow

Das Lager in Plaszow ist nur bedingt zugänglich. Man kann hinter dem Krak-Hügel am oberen (relativ unbefestigen) Rand des Steinbruchs entlang auf das Gelände kommen, das allerdings spätestens mit dem Verlassen des Filmteams von Schindlers Liste nicht mehr konserviert wurde. Die Villa des Lagerkommandanten Göth (an die Szene, wie er auf dem Balkon steht und mit dem Luftgewehr schießt wird wohl vielen noch in Erinnerung sein), existiert noch, ist aber ein ziemlicher Lost Place. Wir haben uns entsprechend mit einem Blick in den Kessel des Steinbruchs begnügt und sind dann umgedreht – ich möchte betonen: wer weiter geht, tut das auf seine eigene Gefahr.

Kaszimierz – Jüdisches Erbe überall

Wenn man die Geschichte der jüdischen Bevölkerung in den Jahren der Besatzung durch die Deutschen hört, könnte man meinen, dass die jüdische Kultur in Krakau nachhaltig zerstört sein muss. Doch dann kommt man in den wunderschönen Stadtteil Kasimierz und trifft dort auf ein Viertel mit einer lebendigen Atmosphäre. Aber es kommen auch immer mehr junge Juden aus aller Welt nach Kaszimierz, um sich auf die Suche nach ihren Wurzeln zu machen.

Rund um die alte Synagoge

Am Szeroka Platz haben sich zahllose jüdische Restaurants angesiedelt, die eine gigantische Küche zu und eine tolle Atmosphäre zu bieten haben. Gerade im Sommer, wenn die Gastgärten aufgebaut werden, spielen Bands mit Streichern und Klarinette-Spielern alte, jüdische Musik (als wir dort waren, war das in 2 der 5 Läden der Fall).

Das Ariel am Szeroka Platz

Die Alte Synagoge selbst ist heute ein kleines Museum, das sich mit dem jüdischen Alltagsleben, den jüdischen Festen und dem jüdischen Gottesdienst beschäftigt.

Unmittelbar neben der alten Synagoge gibt es diese große Mural, das von der israelischen Gruppe Broken Fingaz im Rahmen des Jewish Culture Festival 2014 umgesetzt wurde. Es liegt am Bawol Platz und ehrt die Familie Bosak, die bis zur Entstehung des Krakauer Ghettos 1941 in dem Haus lebten.

Streetart mit jüdischen Motiven

Das ganze Viertel wirkt jung und modern, etwas abseits der Plätze haben sich zahlreiche Start-up-Unternehmen angesiedelt, am Platz unterhalb des Murals „Judah“ von Pil Peled in der Wawrzyńca Straße haben sich zahlreiche Foodtrucks angesiedelt.

Judah hält ein Auge auf die Foodtrucks
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