Make Fiaker fahren great again – Zu Besuch beim Wiener Fiaker Paul

Zugegeben – es hat wirklich lange gedauert, bis ich in Wien einen Fiaker betreten habe und mit ihm mitgefahren bin. Genau genommen waren das 6 1/2 Jahre. Das hat natürlich, wie es immer so ist, mehrere Gründe – alleine mag man nicht wie ein japanischer Tourist durch die Stadt fahren. Als dann meine Schwester mit meiner 7jährigen Nichte aus Hamburg da war, wollte die kleine zwar unbedingt fahren – da war es aber bei -2°C und starkem Wind schlicht und einfach zu kalt.

So mussten 6 1/2 Jahre vergehen, bis ich das erste Mal wirklich zum Fiaker fahren komme – als der Fiaker Paul, einer der 27 zugelassenen Fiakerbetriebe in Wien, und Riding Dinner Austria zum „Tag der offenen Stalltüre“ luden.

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Los geht’s!

Fiaker fahren in Wien

Geschichte der Fiaker in Wien

Die erste Lizenz für die numerierten Kutschen in Wien wurde bereits 1693 ausgegeben – somit haben die zweispännigen Wagen schon mehr als 300 Jahre Tradition. In den Zeiten vor der Motorisierung dienten die Fiaker als eine Art Taxidienst. Und so gab es zwischen 1860 und 1900 mehr als 1000 Fiaker auf Wiens Straßen.

Viele von den Fiakerkutschen, die heute auf Wiens Straßen unterwegs sind, sind schon mehr als 100 Jahre alt. Bei Regen übrigens fahren die Kutschen mit Dach, so dass der Fahrgast trocken bleibt. Seit 2004 ist auch die Pooh-Bag vorgeschrieben – ein Beutel, in den die Pferde ihre Notdurft fallen lassen, die dann bei den Standplätzen entsorgt werden kann.

Eine Prüfung zum Fiakerkutscher muss man in Wien seit 1998 ablegen – für diese ist dann nicht nur Fahrpraxis und Pferdekenntnis nötig, sondern auch Grundkenntnisse zur Wiener Geschichte und zu den großen Sehenswürdigkeiten.

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Kleiner Zwischencheck – in der Kuppel der Hofburg ist normal kein Standplatz – davor aber schon!

Zu Besuch beim Fiaker Paul

Die Firma Paul ist eine von 27 registrierten Fiakerbetrieben in Wien. Auf ihren beiden Höfen in Meidling und Simmering stehen insgesamt 60 Pferde, die zudem abwechselnd alle 3 Monate für 14 Tage auf den Ferienhof in Niederösterreich zum Urlaub. Dort stehen auch die Senioren, denn die Pferde dürfen auch im Alter ihr Leben genießen.

Der Betrieb des Ferienhofes – obwohl er ökonomisch sicher nicht sinnvoll und auch gesetzlich nicht vorgeschrieben ist – zeigt, dass hier das Wohl der Tiere an erster Stelle steht. Die Firma bildet die Fiakerpferde auch selbst aus – wobei den Tieren selbst viel Zeit gegeben wird, sich an Dinge wie die Kutsche oder hupende Autos zu gewöhnen.

Und den Eindruck gewinnt man auch in den Ställen. Die Pferde haben Vertrauen zu den Stallburschen und zum Fiakerkutscher – das kann man nicht vorspielen. Und als sie dann endlich, kurz vor 10 Uhr, nach draußen geführt werden um vor die Kutschen gespannt zu werden, scheinen sie es kaum erwarten zu können und dennoch scheinen sie ruhig und konzentriert – während der ganzen Fahrt bis zum Stephansplatz ändert sich das auch in keiner Minute, egal ob die Straßenbahn an ihnen vorbeiläuft oder eine Schulklasse an der Ampel ein Selfie mit Pferd macht – die Pferde bleiben ruhig und gelassen.

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Entspannt anspannen – Fiaker bei der Morgenroutine
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Kutscher und Stallburschen haben eine persönliche Beziehung zu jedem Pferd

Vurschrift is Vurschrift – Gesetzliche Vorgaben für die Fiakerbetriebe in Wien

Natürlich sind die Fiaker an einige Vorschriften gebunden, die dem Wohl der Tiere dienen.

Gearbeitet wird von 11 bis 22 Uhr (in Rahmenzeiten) – Abfahrt in Wien Simmering ist um 10 Uhr. Jedes Fiakerpferd darf nur 2 1/2 Tage pro Woche arbeiten – d.h. maximal 18 Tage im Monat.

Jedem Gespann wird (je nach Nummerntafel, das jeder Fiaker haben muss) ein bestimmter Standplatz zugewiesen – die meisten stehen am Stephansdom oder am Michaelerplatz. Ein weiterer Standplatz in der Inneren Stadt ist bei der Albertina oder auch vor der Peterskirche. Dazu kommen Standplätze an besonderen Sehenswürdigkeiten – etwa am Zentralfriedhof, am Prater oder in Schönbrunn. Alles, was außerhalb der normalen Routen und Zeiten ist, muss vom Magistrat bewilligt werden.

Jeder Standplatz hat einen Standplatzmeister – der ist dafür zuständig, dass die Tiere regelmäßig mit Wasser und Futter versorgt werden, was auch individuell im Fahrtenbuch der Fiaker eingetragen werden muss. Der wird kollektiv von allen 27 Fiakerbetrieben bezahlt.

Ab einer Außentemperatur von 35°C bleiben die Tiere im Stall bzw. auf der Weide – Ausfahren sind dann gesetzlich nicht mehr gestattet.

Übrigens sind auch die Raten, die die Fiakerfahrer verlangen dürfen, gesetzlich vorgeschrieben. An jedem Standplatz gibt es eine Tafel, die über die gegenwärtige Regelung informiert (aktuell sind das 80€/Kutsche für 40 min, 110€ für 60 min).

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Warm eingepackt – zwei Fiakerpferde am Stephansplatz Anfang November

Riding Dinner Austria

Riding Dinner Austria ist eine Start-up Firma, die mit Fiaker-Unternehmen vor Ort kooperieren um die Sightseeing-Fahrt im Fiaker zu etwas besonderen zu machen. Dazu wird in den Fiaker ein spezieller Tisch eingebaut und während der Fahrt werden spezielle, Wiener Köstlichkeiten und Sekt serviert. So kann man bei einem Wiener Schnitzel die Innenstadt erkunden – dazu kommt ein persönlicher Butler Service.

Unterschiedliche Pakete gibt es ab 74€/Person (für das Paket „Sparkling Sightseeing“ – 40 min Kutschfahrt, 1 Flasche Sekt sowie belegte Brötchen und Petit Fours aus dem Schwarzen Kameel) bis hin zur 90 min Stadterkundung mit Drei-Gang-Menü aus drei unterschiedlichen Restaurants in Wien ab 477€ (für 2 Personen).

Bei einer ganz besonderen Gelegenheit werde ich das sicherlich auch noch persönlich ausprobieren. Der Service wird inzwischen übrigens auch in Salzburg angeboten.

Mehr Infos zur Buchung bei Riding Dinner Austria findet ihr hier. (kein Affiliate Link, nur infohalber)

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Los gehts!

Gehören Fiaker zum Stadtbild?

Momentan gibt es ja die große Diskussion, ob man Fiaker aus der Innenstadt verbannen und nur noch in Parks fahren lassen sollte. Ich gebe ja selten zu etwas wirklich eine politische Meinung ab. Aber wenn man so durch die Stadt fährt, geht es etwa ab dem Stadtpark los, dass Leute einem begeistert winken, Kinder laufen nebenher und die Handys und Fotoapparate werden gezückt. Für mich ist das ein klares Indiz dafür, dass die Wiener Fiaker zum Stadtbild gehören und zumindest aus der Inneren Stadt nicht verschwinden sollten.

Mit Pferden ist es ähnlich wie mit Hunden. Über die letzten Jahrtausende wurden sie für eine bestimmte Aufgabe gezüchtet. Und die Fiakerpferde sind ganz klar Zugpferde – wenn man zwischen ihnen steht, wenn sie vor ihre Kutsche gespannt werden und es dann noch einen Moment dauert, weil ich dem Kutscher noch eine Frage stelle, schauen sie einen fast schon genervt an – so unter dem Motto „Ey Alter, ich will jetzt los, hör auf zu Quatschen“. Und die Tiere kommen auf die Weide – sie haben aber in etwa so viel Lust am Kutsche ziehen wie ein Australian Shepard am Schafe hüten oder ein Labrador am Apportieren – und auch bei Hunden ist es ja meist so, dass die eine Verhaltensstörung haben, die nicht mehr ihrer normalen Aufgabe nachgehen dürfen.

Die Tiere werden aufs Schärfste von den Ämtern kontrolliert, unangemeldet sowohl in den Stallungen als auch am Standplatz – und das sogar 2x pro Woche. Und das ist auch genau richtig so. Sie werden für den Gang an der Kutsche im Verkehr mehr als 1 Jahr lang trainiert – sie wirken weder schlecht ernährt oder ungesund, noch unzufrieden, noch nervös. Klar kann sich immer ein Pferd erschrecken und durchgehen – aber ich denke, da ist – auch wenn es schwierig ist – auch ein bisschen Rücksicht durch die Autofahrer nötig – denn man kann ja mit sowas rechnen, wenn man ein Pferd anhubt.

Also gehören die Fiaker zum Stadtbild? Auf jeden Fall und würde man sie tatsächlich vom Stephansplatz und von der Hofburg verbannen, wäre Wien um eine wichtige Attraktion ärmer. Und wenn sich an die gesetzlichen Vorgaben gehalten wird, sollte auch dem Tier kein Schaden zugefügt werden – und bei den Pferden von Fiaker Paul ist das definitiv mehr als gegeben. Man kann von den Fiakern halten, was man möchte – man kann sich von ihnen gestört fühlen, aber wenn es am Michaelerplatz im Sommer diesen speziellen Geruch nicht mehr gibt und wenn sie wirklich verschwinden sollten, würde selbst dem grantigsten Wiener etwas fehlen.

Wie sagen die Jungs vom Riding Dinner Austria so schön: Let’s make Fiaker fahren great again!

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Jetzt aber mal los!
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