Gartenbaukino – Hinter den Kulissen einer nostalgischen Legende

Häufig findet man in den Städten nur noch die großen Kinopaläste, die meist einer der wenigen, europaweiten Ketten angehören und alle exakt das gleiche Programm zeigen. Umso schöner ist es, dass in Wien einige der wirklich alten Kinos erhalten geblieben sind. Das Bekannteste ist das jährliche Zentrum der Viennale. Ich hatte die große Ehre, beim Gartenbaukino hinter die Kulissen schauen zu dürfen.

Gartenbaukino

Geschichte

Das Gartenbaukino hat seine Ursprünge im Jahr 1919 und feiert somit im kommenden Jahr sein 100jähriges Bestehen. Namensgebend war das Palais der k.u.k. Gartenbaugesellschaft, in dessen Ausstellungssaal, dem Blumensaal, eingerichtet wurde. Das Palais war ein unscheinbarer, einstöckiger Bau, direkt an der Ringstraße gelegen. Es stammte vom Künstlerhaus – Architekten August Weber. Es lag nicht weit entfernt anstelle der heutigen Sichtachse vom Palais Coburg zum Stadtpark und somit nur wenige Meter vom heutigen Standort des Gartenbaukinos entfernt. Das Kino wurde am 19.10.1919 mit dem Film KOLUMBUS ENTDECKT AMERIKA eröffnet und war mit 639 Plätzen eines der ersten Großkinos der Stadt.

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60s Flair – die Bar

Das Palais wurde Mitte der 50er Jahre als stark baufällig eingestuft. Es entstanden somit erste Pläne für den heutigen Bau am Parkring 12. 1959 wurde der Plan schließlich genehmigt und der damals stadtbekannte Kinoarchitekt Robert Kotas mit der Neugestaltung des Kinosaals betraut, dessen Betriebsgesellschaft nun die stadteigene KiBA (Kino Betriebs Anstalt) wurde. Am 19. Dezember 1960 fand die glanzvolle Eröffnung mit der Premiere von Stanley Kubricks „Spartakus“ statt – in Anwesenheit des Hauptdarstellers Kirk Douglas. Das Ticket lag zu damaligen Zeiten zwischen 12 und 40 Schilling.

Es war als erstes Kino in Österreich mit einer Breitbildleinwand im sogenannten Cinemascope-Format ausgestattet. 1978 wird hier auch die erste Dolby Stereo Sound Anlage Österreichs eingebaut.

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Blick auf die Leinwand

Seinen Charakter als Premierenkino hat sich das Kino bis heute bewahrt. Über die Jahrzehnte waren große Namen zu Gast: Herbert von Karajan, Bruce Willis, David Lynch, Lou Reed, Tilda Swinton, Otto Preminger, Robert Stolz, Jane Fonda, Fay Wray, Martin Scorsese, John Carpenter, Kirk Douglas, Lauren Bacall, Todd Haynes, Christoph Waltz, Tom Cruise. Letzterer feierte etwa die Weltpremiere seines Films Oblivion im Jahr 2013 im Gartenbaukino. Mit 736 Sitzplätzen ist das Gartenbaukino der größte Kinosaal in Wien.

Über die letzten beinahe 60 Jahre konnte sich das Gartenbaukino noch einiges des nostalgischen Flairs bewahren – so viel, dass diskutiert wird, einige Teile des Kinos unter Denkmalschutz zu stellen.

1973 findet im Gartenbaukino zum ersten Mal das berühmte Wiener Filmfestival – die Viennale – statt. Seit 2002 ist das Kino dauerhaft im Zentrum des Festivalgeschehens als Festivalzentrale.

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Flair auf dem Damenklo

70 mm Projektor – Analoge Technologie in Zeiten des High Tech Films

Das heutige Gartenbaukino wurde 1960 und damit in den Hochzeiten des 70 mm Breitfilms am Parktring eröffnet. Die zum Abspielen nötige Anlage blieb erhalten, wurde allerdings 1993 im Zuge der Modernisierung demontiert.

Um den Kinobesuchern etwas ganz besonderes bieten zu können, wurde die Anlage ab 2009 reaktiviert und erweitert, so dass es eines der wenigen Kinos im deutschsprachigen Raum ist, die heute 70 mm Filme abspielen kann. Seit 2016 ist es wieder möglich, bestimmte Filme in der analogen Abspielweise abzuspielen und zu zeigen.

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Philips DP70 – mit Blick auf den Vorhang

Die beiden Projektoren DP70 von Philips sind seit der Eröffnung 1960 an ihrem Platz. Beide können sowohl im 35 mm als auch im 70 mm Format projizieren.

Und das lohnt sich immer mehr, seit Hollywood-Regisseure wie Quentin Tarrantino auf den Geschmack gekommen sind. Er drehte seinen letzten Blockbuster „Hateful 8“ mit einem mehr als 50 Jahre alten Linsensystem in 70 mm, da so eine Bildqualität von bis zu 8k erreicht werden kann.

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Analoge Maßarbeit

 

Das Gartenbaukino heute

Heute ist das Gartenbaukino ein Anziehungspunkt für echte Filmfans, die genug haben vom ständigen Hollywood-Einheitsbrei, den die großen Filmpaläste zeigen. Hier laufen alte Klassiker, genauso wie Retrospektiven (demnächst etwa zu Spike Lee) – hier gibt es aber auch besondere Vorführungen, etwa Tarrantinos Hateful8 im 70 mm Format.

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Vorraum mit Flair

Stimmig zum nostalgischen Programm findet man hier auch noch echtes 60s Flair vor, der Kassenbereich etwa ist noch vollständig aus dieser Zeit erhalten, genauso wie zahlreiche Handläufe und die Gestaltung des Kinosaals selbst (auch wenn die Sessel seit dem bereits erneuert wurden). Die Bar stammt zwar aus den 80ern, nimmt das Flair aber perfekt auf. Außerdem: wo findet man heute noch Schminktischchen auf der Damentoilette – 60s pur.

Das Gartenbaukino am Wiener Parkring – ein Premierenkino mit Charme und Flair – das muss man als Cineast einfach erlebt haben…

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Kinosaal für 736 Personen
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